<< ERINNERUNG >>

Autor  : MANFRED SCHWANBECK

 

WIE DER BEAT NACH DEUTSCHLAND KAM

Anfang der 60er Jahre tauchte eine neue, unerhörte Musik auf - lauter und härter, als jede, die man bis dahin zu hören bekommen hatte: Der Beat. In den Jahren zuvor waren die Deutschen noch hastig damit beschäftigt gewesen, erste Infrastrukturen zu rekonstruieren, die im Verlauf und der Folge des zweiten Weltkrieges zerstört worden waren. Dann entwickelte sich aus der Wiederaufbauphase ein ökonomischer Boom, der propagandistisch schnell als deutsches Wirtschaftswunder Eingang in die veröffentlichte Meinung fand. Dieses vermittelte Lebensgefühl der Behaglichkeit fand auch in der populären Musik und speziell im Schlager seine Entsprechung. Die Idole der braven deutschen Jugend Anfang der 60er waren Peter Alexander, Freddy Quinn, Caterina Valente, Lolita, Fred Bertelmann und Lale Andersen, die im Mondschein mit einer Handvoll Heimaterde in der Tasche und der Gitarre in der Hand unter fremden Sternen schmachteten. Doch die Gegenreaktion auf diese selbstzufriedene, satte Gesellschaft ließ nicht lange auf sich warten:

Die "Teenager" oder "Halbstarken" suchten und fanden Anfang der 60er Jahre neue Idole in England. Der Beat, die englische Variante der amerikanischen Rockmusik, war zunächst für Jugendliche in Arbeiterstädten wie Liverpool eine Möglichkeit, sich der tristen Wirklichkeit ihrer gesellschaftlichen Umstände zu entziehen. Mit der Hype um die Beatles verbreitete sich der neue Sound jedoch explosionsartig über die ganze Erde. Verbreitet durch Jukeboxen sowie Radio- und Fernsehpräsentation vermittelte diese neue Musik den Fans ein Gefühl der Freiheit, und den Bruch mit alten Konventionen. Der Beat wurde vor allem von den Jugendlichen assimiliert, die sich gegen die starre Ordnung der Adenauerära wenden wollten. Er wird zu ihrem Vehikel. Als "Subkultur" disqualifiziert, wurde er hingegen von der Erwachsenenwelt als zunehmende Bedrohung empfunden, je mehr die Haare länger und die Röcke kürzer wurden. Er wurde zum Anlass für den täglichen familiären Zweikampf um Kleidung und Haarpracht. Ab 1964 gab es immerhin die erste echte Jugendsendung im deutschen Fernsehen zu bestaunen: Aber auch der Beat-Club wurde in der Folge für viele Familien ein immer wiederkehrender Streitfaktor. Dabei war er doch nur und schon längst Symptom einer sich verändernden Strategie der herrschenden Klasse und der mit ihren Interessen einhergehenden öffiziösen Moralvorstellungen. Denn Mitte der 60er Jahre war die Jugend zum wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Sie verfügte über Geld und war bereit, es auszugeben. Nicht nur für die etablierten Konsumgüter, sondern auch für ihre speziellen kulturellen Bedürfnisse. Diese Tatsache ließ sich instrumentalisieren. So geschehen mit der Eröffnung des Hamburger Star-Clubs, dem bald weitere Äquivalente mit angebotener Live-Musik in der gesamten Republik folgten.

Es begann eigentlich Ende 1959 im Kaiserkeller. An der Ecke Große Freiheit/Schmuckstraße in St. Pauli eröffnete Bruno Koschmider Hamburgs ersten Rock & Roll-Club. In unmittelbarer Nähe von Striptease-Lokalen und Neppkneipen sah man plötzlich junge Engländer mit Lederjacken und gestylten Haartollen, die ihre Gitarren bearbeiteten und dazu lautstarke Liebeserklärungen an Lucille , Carole , Peggy Sue und Miss Molly brüllten.

Für die "Halbstarken", war dieser Club eine Offenbarung. Schließlich lief ansonsten seit Bill Haley 1958 bei seiner ersten Deutschland-Tournee in Stuttgart, Essen, Berlin und Hamburg wilde Saal- und Straßenschlachten zwischen seinen Fans und einer knüppelnden, Tränengas einsetzenden Polizei ausgelöst hatte, im Genre Rock rein gar nichts mehr. Eine unglaubliche Hetzkampagne in der Presse hatte dafür gesorgt, daß diese Musik, die für Erwachsene und Obrigkeit als Beginn des abendländischen Untergangs galt, vollständig ausgegrenzt wurde. "Schlußmachen mit diesem unsinnigen und geistlosen Urwaldgetöse, das die Bezeichnung Konzert nicht verdient!" forderte nach den Haley-Krawallen Bild-Leser Jakob Theobald aus Rodenkirchen. Und das wurde gnadenlos umgesetzt.

Stattdessen gab es angepaßte Schlagerfuzzis wie Peter Kraus, Tommy Kent oder Ralf Bendix, die die amerikanischen Rock-Originale so lange verwässerten und eindeutschten, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Oder die sich ihre "Teenagermusik" gleich von der damals marktbeherrschenden deutschen Schlagermafia komponieren ließen. Daneben wurden nur die üblichen Schlager (Ivo Robic, Fred Bertelmann, René Carol und Heidi Brühl), oder ein bisschen Jazz - Oldtime bzw. Dixieland - angeboten. Chris Barber, Papa Bue sowie Max Collie waren angesagt und Ice Cream, Tiger Rag sowie Down By The Riverside ihre Hymnen, die überall in den Jazzclubs, -kellern und -kneipen ertönten. Die Exi-Szene hatte ihre große Zeit. Rock & Roll hingegen wurde weitgehend ignoriert. Nur ganz wenige Platten von Elvis, Bill Haley und Cliff Richard waren in den Läden erhältlich. Wer auf Eddie Cochran oder Chuck Berry stand, mußte sich die gewünschten Singles zeitraubend und umständlich importieren lassen. Es gab eigentlich nur einen Lichtblick: Den britischen Soldatensender BFBS und Chris Howland mit seinem "Saturday Club" im WDR.

In diese Situation hinein eröffnete nun also der Kaiserkeller und brachte als erster Club Deutschlands Rockmusik regelmäßig live auf die Bühne. Zunächst wurde Tony Sheridan verpflichtet, später kamen Bands wie Rory Storm & The Hurricanes, Howie Casey und Derrie Wilkie & The Seniors hinzu. So ging es bis Anfang 1962. Tony Sheridan wurde zur Hamburger Lokalgröße, hatte mit Skinny Minny seinen ersten Hit und nahm im Juli '61 mit den Beatles für Polydor acht Songs auf, - u.a. My Bonnie und Ain't She Sweet.

Ein Manko dieser Szene war aber anfangs noch, daß es ihr zunächst nicht gelang, berühmte Platten- und Rundfunkstars nach Deutschland zu holen. Es gastierten nur mehr oder minder unbekannte Bands, die dann Hits anderer Künstler coverten, selbst die Beatles machten da noch keine Ausnahme. Von Elvis, Gene Vincent oder Jerry Lee Lewis konnte man in jener Zeit nur träumen. Außerdem waren mit Ausnahme des Top Ten alle Läden recht klein. Und üblicherweise spielte nach alter Tanzcafétradition auch in den jeweiligen Clubs Wochen lang nur eine einzige Band. Die Zeit für den Star-Club war also wirklich reif!

Eines Morgens war St. Pauli mit einem grellen Orange von Plakaten dichtgeklebt. "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!" wurde darauf verkündet. "Am Freitag, den 13. April, eröffnet der Star-Club die Rock 'n' Twist-Parade 1962 "...... Verlockende Aussichten, aber die Lage des Schuppens mitten im Kiez schreckte zunächst viele Jugendliche und viel mehr noch deren Eltern ab. Aber es sollte nicht lange dauern, bis der Reiz des Verbotenen über alle Vorsicht siegte. Einer der frühen Gäste war Frank Dostal, der später selbst als Sänger der "Wonderland" auf der Star-Club-Bühne stehen sollte: "Ich war ein halbes Jahr nach der Eröffnung zum ersten Mal da, vorher war ich nur ein paar Mal im Top Ten. In den Star-Club ging man nicht als Bürgersöhnchen, weil es hieß, da seien nur die Rocker. Ich war vorher schon mal in so einem kleinen Lokal in der Freiheit gewesen, und da hab ich sofort eine riesige, blutige Schlägerei gesehen. Und als ich dann hörte, daß im Star-Club nur Rocker seien, die ja damals durchweg sehr gewalttätig waren, bin ich eben dort nicht hin gegangen. Das hat sich aber geändert, als ich hörte, daß die Beatles dort wieder spielten, da hab ich mich dann mal getraut. Und ich war gleich unheimlich begeistert. Was einem bis dahin an Unterhaltung geboten wurde, war doch entweder Fernsehen mit Peter Frankenfeld oder sowas, oder Jazz, - so Dixieland oder Modern Jazz. Und daß da irgendwie so Typen auf der Bühne waren, mit denen man sich wesentlich eher identifizieren konnte und die die Musik live machten, die man nur von Platten her kannte, das hat den wesentlichen Kick ausgemacht. Ich bin dann auch vom ersten Mal an mindestens zweimal die Woche im Star-Club gewesen. Das war in den Augen meiner Mutter und sonstiger Verwandter ganz schön gefährlich, so oft nach St. Pauli zu gehen. Aber in Wirklichkeit war das ganz cool, weil die Typen auf St. Pauli und die Portiers immer gleich gesehen haben: Der will zum Star-Club, und da haben sie uns nie dumm angemacht. Lederjacken und sowas wurden im Star-Club eigentlich nicht getragen. Die Leute hatten alle Anzüge an, Krawatten und Nyltesthemden. Wer damals dazu noch Cowboystiefel besaß, war ganz besonders progressiv. Sie machten sich sorgfältig zurecht, wenn sie hingingen, das war richtig Ausgehen. In erster Linie ging man ja auch hin, um Musik zu hören und zu tanzen, nicht um rumzuhängen, dazu war der Star-Club zu faszinierend. Jeden Tag war es gerammelt voll. Der Star-Club war für die Jugend sowas wie die Dame ohne Unterleib, die totale Sensation, deshalb kamen auch immer so viele."

Und es gab einen weiteren Grund. Frank Dostal: "Der Star-Club war schon am Anfang so eine Art Gegenkultur, auch wenn es den Leuten damals nicht so bewußt war. Die gesellschaftlichen Verhaltensnormen, die außerhalb des Star-Clubs galten, hatten hier keine Funktion."

Probleme gab es nur für diejenigen, die noch keine achtzehn waren. Offiziell durfte man erst ab sechzehn herein, aber mit einer wilden Brisk-Tolle oder Stöckelschuhen, Lippenstift und hochtoupierter Bienenkorbfrisur konnte man es auch schon vorher schaffen. Um 21:50 Uhr jedoch, nachdem die erste Band ihren Auftritt absolviert hatte, kam gnadenlos folgende Durchsage: "Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten ist es 22 Uhr. Alle Jugendlichen unter achtzehn Jahren müssen jetzt den Star-Club verlassen. Die Kellner sind angewiesen, eine Ausweiskontrolle durchzuführen. Personen, die sich nicht ausweisen können, müssen ebenfalls das Haus verlassen. Den Anweisungen der Kellner ist unbedingt Folge zu leisten. In zehn Minuten geht es dann weiter im Star-Club mit..."

Der Laden hatte bald eine Million Besucher pro Jahr. War ein Jugendlicher in Hamburg, führte ihn sein erster Weg in den Star-Club. Viele reisten sogar aus England, Frankreich und Skandinavien an, nur um ein paar Nächte im berühmten Club an der Großen Freiheit erleben zu können. Verzweifelte Eltern schrieben Briefe oder riefen im Star-Club-Büro an, ob ihr ausgerissener Sohn oder ihre verschwundene Tochter nicht dort gesehen wurde.

Der Star-Club wurde zudem das renommierteste Forum für die nunmehr aufstrebende deutsche Rock- und Popszene. Mit den "Rattles" aus Hamburg und den "Lords" aus Berlin hatte man zwischenzeitlich durchaus niveauvollen eigenen Nachwuchs zu bieten. Weitere Bands, wie der Rattles-Nachfolger "Wonderland" oder "Frumpy" mit ihrer Frontfrau Inga Rumpf, brachten es in der Folge tatsächlich zu lukrativen Plattenverträgen. Außerdem etablierten sich ab 1963 Manuela und "Drafi Deutscher & His Magics" in einer musikalischen Grauzone zwischen Teenager- und Rock & Roll-Musik.

Viele der Star-Club-Gäste kamen Jahre lang, verbrachten hier ihre Jugend und erlagen Nacht für Nacht der Faszination des schummrigen Saals und der Musik der ununterbrochen rockenden Bands. Hier war man unter sich und hatte den Sound, der nur einem selbst gehörte. Der Star-Club war ein Refugium in einer Welt, die ansonsten von Autoritäten, Verboten und Zwängen beherrscht war.

Begünstigt durch Experimente mit bewußtseinsverändernden Drogen entwickelte sich dann ab Mitte der sechziger Jahre ein neuer, psychedelischer Stil, der schon früh von England auf Deutschland überschwappte. Die aus der Rock & Roll-Szene entstandene Pop-Kultur entwickelte sich weiter zu den Wertvorstellungen der Hippies. Diese verweigerten sich häufig der Konsumgesellschaft, indem sie Kleidung und Körperpflege vernachlässigten und demonstrativ die Arbeit verweigerten. Das deutsche Establishment bezeichnete diese Strömung daher auch gerne als Gammler. "Love, Peace and Happiness" - der Slogan der Flower-Power-Bewegung, mutierte dann aber rasch durch zunehmende Politisierung im Gefolge des Vietnamkriegs zu "Make Love, Not War". Im August 1969 traf sich die internationale Beat- und Rockszene zum legendären Woodstock-Festival. Mit Marx, Lenin, Che Guevara und Ho Chi Minh gab es weitere neue Vorbilder der Jugend. Sie wollte die Welt verändern. Sie wollte eine Gesellschaft ohne Zwang und Autoritäten. Sie wollte Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden mit dem Ziel der Schaffung einer neuen politischen Ordnung, der Verwirklichung sozialistischer Utopien. Das gab wiederum den Anstoß zu einer grundlegenden Erneuerung der politischen wie der Alltags-Kultur. Wurde bis dahin die Nazivergangenheit vieler bundesdeutscher Politiker noch totgeschwiegen, so begann allmählich die Beschäftigung mit der jüngsten deutschen Geschichte. Die aus diesen Prozessen resultierende "Außerparlamentarische Opposition" und Studentenbewegung hat das Westdeutschland der Nachkriegszeit verändert wie keine andere Bewegung vor und nach ihr.

DIE RATTLES - BEAT-VETERANEN AUS HAMBURG

Die RATTLES wurden 1961 von Achim Reichel und Herbert Hildebrandt gegründet. Ein Jahr später hatten sie bereits die Ehre, den "STAR CLUB" in Hamburg zu eröffnen und gewannen den dort ebenfalls veranstalteten Wettbewerb "Beste Beatband". 1963 löste Dicky Tarrach ihren Ur-Drummer Dieter Sadlowsky ab und die Band wurde nochmals um den zweiten Gitarristen Hajo Kreuzfeld erweitert. Danach brach man mit den ANIMALS zur zweiten England-Tournee auf und machte auch im berühmten Liverpooler "Cavern Club" Station. Der MELODY MAKER schrieb damals: "Den größten Erfolg seit den Beatles hatte im Cavern Club ihr deutsches Äquivalent: DIE RATTLES. Diese sensationelle Gruppe ist die einzige deutsche Band, die in England einen Fan-Club besitzt!"

1965 schafften die RATTLES mit "La La La" ihren ersten Top 20-Hit in den deutschen Hitparaden. Es sollten allerdings mit "Stoppin' In Las Vegas" (1966), "Come On And Sing" (1966), "Love Of My Life" (1966) sowie "Cauliflower" (1967) weitere folgen. Der Sommer 1966 brachte zudem ein absolutes Highlight ihrer Bandgeschichte, dadurch dass sie das Vorprogramm der Beatles während deren Bravo-Blitztournee durch Deutschland bestreiten durften. Kurz darauf wurde mit ihnen gar der Kinofilm "Hurra, die Rattles kommen!" produziert, was ein absolutes Novum für eine deutsche Beatband war. Es brach also richtiggehend eine "Rattlemania" aus.

Das ungetrübte Glück hatte indes keinen langen Bestand: 1967 wurde Leadsänger und Frontmann Achim Reichel zur Bundeswehr eingezogen und im Herbst des gleichen Jahres schied auch Dicky Tarrach bei den RATTLES aus. Beide gründeten später mit Les Humphries und Frank Dostal das von James Last produzierte Projekt WONDERLAND. 1968 hatte dann Herbert Hildebrand, der letzte Ur-Rattle, die Schnauze ebenfalls voll. Seine Führungsrolle übernahm der Ex-"RIVETS" Henner Hoier. Die in der neuen Besetzung eingespielte Single "THE WITCH" fand zunächst jedoch in Deutschland extrem wenig Beachtung, und daher schien es 1969 fast schon so, als sei das endgültige Ende für die RATTLES gekommen.

Im Ausland sah die Resonanz auf diesen Song jedoch ganz anders aus. Begünstigend kam außerdem hinzu, dass die Engländer und Amerikaner für eine gewisse Phase einen Narren an europäischen Bands des Festlands gefressen hatten: SHOCKING BLUE und TEA SET aus Holland hatten es vorgemacht und so ging auch die Plattenfirma der RATTLES Anfang 1970 dazu über, das Bandkonzept mit neuer Besetzung - inklusive einer Frontfrau/Leadsängerin in Person von EDNA BEJERANO - komplett umzukrempeln. Die Rechnung ging auf: Mit einem Remake von "THE WITCH" schaffte das neue Line Up in 23 Ländern den Sprung auf die Top-Plätze der Charts. Da sich allerdings kein Nachfolge-Hit einstellen wollte, vegetierte die Combo in den nächsten Jahren, trotz einiger gelungener Single-Einspielungen, recht erfolglos vor sich hin. Man partizipierte eigentlich nur noch vom Ruhm vergangener Tage.

Achim Reichel hatte nach der WONDERLAND-Episode 1971 zu einer Solo-Karriere mit der Elektronik-Exkursion "Die Grüne Reise" angesetzt und nahm danach verrockte Shanties bzw. deutsches Liedgut auf. Dicky Tarrach war inzwischen zum begehrten Studio-Drummer avanciert und realisierte daneben zahlreiche Solo-Projekte. Herbert Hildebrandt komponierte und produzierte Hits wie "THE WITCH" und "MADEMOISELLE NINETTE" (für die "SOULFUL DYNAMICS"). Außerdem war er gemeinsam mit Henner Hoier am Aufbau der LES HUMPHRIES SINGERS beteiligt. Hoier betätigte sich seinerseits ebenfalls als Komponist und Verleger. Ende der 80er trieb Tarrach jedoch der Gedanke an eine Reunion der RATTLES mit genau diesen Leuten um. Er initierte daher ab 1987 gemeinsame Jam Sessions der Originalmitglieder, und im Frühjahr 1988 hatte er sie soweit überzeugt, dass das Projekt angegangen werden konnte.

Mit der Single "HOT WHEELS" wurde im Herbst 1988 zunächst das gleichnamige Album promotet, das in der Folge recht beachtliche Chart-Positionen erzielen sollte. Die RATTLES hatten zehn Titel (plus zwei Bonus Tracks für die CD) aufgenommen, worunter sich auch zwei interessante Coverversionen befanden: "HOT SUMMER NIGHTS" und "KEEP ON RUNNING" mit SPENCER DAVIS als Stargast. Der STERN meinte: "Die RATTLES knüpfen nahtlos an ihre goldenen Zeiten an", und auch ME/SOUNDS konstatierte: "Eine grundsolide Produktion. Gutes Handwerk ohne Schnörkel, Glimmer und Glitzer".

Leider hielt es Achim Reichel erneut nicht lange bei seinen Kollegen aus. Er "seilte" sich kurz nach Erscheinen des Albums wieder ab, um seine deutschsprachigen Solo-Outputs weiter zu betreiben.

DIE LORDS - DIE KARRIERE DER "DEUTSCHEN BEATLES"

Ende der Fünfziger Jahre war unter den Jugendlichen Europas die Liebe zum Jazz und zum Skiffle sehr weit verbreitet. Der Berliner Senat präsentierte daher jährlich in der Schöneberger Sporthalle einen Wettbewerb um das "Goldene Waschbrett". Am 07.04.1961 gelangten 6 Schüler aus Berlin auf das Siegertreppchen, die sich THE SKIFFLE LORDS nannten. Die Band wurde in der Folge auch zu zahlreichen Veranstaltungen außerhalb ihrer Heimatstadt eingeladen. Da diese Trips allerdings aufgrund der „Insel“-Lage West-Berlins mit erheblichen Reisekosten verbunden waren, wurden die Jungs vom Senat gesponsert und errangen auf diese Weise bald einen ziemlichen Bekanntheitsgrad in der ganzen Bundesrepublik. Anfang der 60er Jahre, als die Rock & Roll-, Twist- und Beat-Welle über Deutschland herein brach, veränderten dann auch die SKIFFLE LORDS ihre musikalische Ausrichtung hin zu moderneren Sounds, was gleichzeitig für ihr Instrumentarium und das Outfit der Combo entscheidende Konsequenzen hatte:

Ulrich "Uli" Günther, geb. am 24.07.1942 in Berlin, blieb zwar Leadsänger, er kreierte aber zusätzlich einen neuen Look für die Band: Prinz Eisenherz-Frisur, Melone, Gamaschen, weiße Hemden, Westen und fein gebügelte Hosen waren die speziellen Markenzeichen, die das Erscheinungsbild der Lords von nun an über viele Jahre prägen sollten.

Klaus Peter "Leo" Lietz, geb. am 31.12.1943 in Hammerstein, spielte Leadgitarre und war die zweite Stimme. Außerdem steuerte er viele der Kompositionen bei, die die Lords unaufhaltsam in die deutschen Hitparaden katapultieren sollten.

Rainer "Gandy" Petry, geb. am 05.07.1944 in Berlin, übernahm die Rhythmusgitarre und war ebenfalls als Songwriter tätig.

Knud Kuntze zupfte den Bass. Ein schwerer Autounfall beendete seine Karriere bei den Lords aber frühzeitig. Er wurde anschließend als "Lord Knud" Radio-Discjockey beim RIAS Berlin, wo er u.a. die Sendung "Lord Knud's Superhits" präsentierte. Sein Nachfolger in der Band hieß Heinz Hegmann, der aber Ende 1965 bereits von Bernd Zamulo, geb. am 16.08.1946 in Cuxhaven, wieder abgelöst wurde.

Peter "Max" Donath, geb. am 11.08.1944 in Berlin, setzte sich trotz Klavierausbildung in seiner Jugend hinter die Trommeln.

Und natürlich hatte damit auch der Skiffle-Bestandteil des Namens ausgedient. Es erfolgte die überfällige Umbenennung in THE LORDS.

1964 brach dann auch in Deutschland mit aller Vehemenz die "Beatlemania" aus. Als der Film „YEAH,YEAH, YEAH“ der Fab Four in den deutschen Kinos anlief, kamen die Promo-Leute von United Artists auf die Werbe-Idee, im Rahmen eines Wettbewerbs nach den "Deutschen Beatles" zu suchen. Die Lords entschieden dieses Spektakel für sich und deplazierten damit Bands wie THE ECHOES, THE MINSTRELS, THE TORNADOS, THE KRAUTS, THE RIVETS und THE GERMANS.

Im Laufe ihrer weiteren Karriere gastierten die Jungs auch erfolgreich im damaligen Ostblock. So waren sie z.B. die erste Beatband, die in Polen auftreten durfte. 25.000 Fans im Fussballstadion von Legia Warschau waren außer Rand und Band. Ebenso wie die deutschen Schallplattenkonsumenten:

Mit folgenden Singles schafften die Lords die Top-40:

1965 Shakin`all over

1965 Poor Boy

1966 Que Sera

1966 Greensleeves

1966 What They Gonna Do

1966 Have A Drink On Me

1967 Gloryland

1968 John Brown`s Body

1968 And At Night

1968 Good Time Music

1969 People World

1969 Three-Five-Zero-Zero

Der Erfolg der Single "People World" verschaffte ihnen sogar eine deratige Popularität, dass die Lords 1969 von der Jugendzeitschrift BRAVO als Drittplatzierte mit dem „Bronzenen Otto“ in der Rubrik „Internationale Bands“ ausgezeichnet wurden. 1971 beschlossen die meisten Ur-Lords jedoch ins Privatleben abzutauchen. Ihr Sänger Uli Günther gründete daher eine Nachfolgeband, die er "THE NEW LORDS" nannte und mit der er sogar nochmals einige kleinere Hits wie "WE GO OUT IN THE SUNSHINE", "ROOSTER" und "RADIO" einspielen konnte.

Das Line Up der NEW LORDS:

Uli Günther - Gesang

Reinhard Bobb - Gitarre

Günter Bobb - Bass

Hans Habrecht - Drums

Mit dem Oldie-Revival und der Etablierung diverser Festivals in den 80ern, die ausreichende Beschäftigung im Rahmen des Circuit boten, wurde aber gleichzeitig wieder verstärkt nach den Originalbesetzungen der auftretenden Bands verlangt, was auch bei den Lords zu einer Reunion führte. So konnte die Truppe 1999 ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum durchaus als aktive Einheit begehen. Am 8. Oktober 1999 jedoch, während eines Auftritts, stürzte Uli Günther, der erst kurz zuvor sein Buch "Ansichten eines Lords" veröffentlicht hatte, von der Bühne. Er sollte nach diesem Unfall nur noch 2 Tage leben.

Die meisten der verbliebenen Mitglieder beschlossen, trotz dieses für sie nicht zu ersetzenden Verlusts, ihre Karriere fortzusetzen. Sie nahmen sich eine Auszeit von einem Jahr, um die Stücke für ihr Live-Repertoire gründlich zu überarbeiten und sind seither in folgender Besetzung wieder "on the road":

Klaus Peter "Leo" Lietz - Gitarre und Gesang

Jupp Bauer - Rhythmusgitarre und Gesang

Bernd Zamulo - Bassgitarre und Gesang

Charly T. - Drums

 

Manfred Schwanbeck

 

 

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© Peter Schneider